Friday, May 16, 2008

Time traveler’s wisdom: Hannes Woidich full-length interview



—von Jonas Obleser für walloftime.net

Hannes Woidich ist ein alter Wegbegleiter an der Zeitmauer entlang. In gewisser Hinsicht war es Woidich, 32, Photograph in Dortmund, der unwissentlich den Anstoß sowohl zum Notizbuch WALL OF TIME als auch zu dieser Interview-Reihe gab. In einem Moment großer Weitsicht gab nämlich ein lebensfroher, aber angriffslustiger Woidich einmal zu Protokoll, man müsse nur “die Wahrheit mit der Zeit multiplizieren, dann fällt die ganze Scheiße raus” — eine zu gleichen Teilen kühne, völlig richtige und beneidenswert luzide formulierte Gleichung.

Luzide, im Licht also, ist auch Woidichs Schaffen; er arbeitet mit Licht, biegt es, windet es, und bricht es auf mit seinen Händen wie Gottfrieds Benns Rönne einst die Gehirne der Verstorbenen. 2007 gewann er den fünftstellig dotierten Canon Förderpreis für seine Serie “Nachtgelände”, eine aufwändig arrangierte Bestandsaufnahme der schlafenden Vorstadt. Höchste Zeit, mit Hannes Woidich zu sprechen über: Zeit, und was sie in seinem Werk zu suchen hat.

So sitzen wir nach einigen Emails schließlich im Frühjahr 2008 in Hannes’ Wohnung im Künstlerhaus Dortmund zusammen und breiten Photographien aus; Hannes illustriert seine Argumente mit Bildern aus den Tiefen seiner Festplatte, und Bernhard, Baudrillard und Barthes liegen als Munition parat.


Lieber Hannes, Danke für Deine wertvolle Zeit.

Gerne. Willkommen in Dortmund.

Die schwierigste Frage gleich zu Beginn. An der WALL OF TIME geht es uns ja um die abseitigen, auch die radikal subjektiven Interpretationen von Zeit, einschließlich der verwegensten Annahmen einer ent-zeitlichten, zyklisch oder amorph gewordenen Geschichte. Das Objektivierende, Messende der Zeit wollen wir bewusst anderen überlassen. Auf der Suche nach dieser Subjektivität jedenfalls haben wir Freunde, Kinder, Erwachsene gefragt, was Zeit sei, und wenn dabei doch so etwas wie ein Grundton entstand, dann jener, dass Zeit gleichzusetzen zu sein scheint mit Veränderung.
Eine Photographie nun stellt zuerst einmal diese Veränderung ab, macht sie nicht mehr erfahrbar. Egal, wie aufwändig produziert; am Ende steht ein einzelnes, unveränderliches Bild, der sprichwörtliche “moment in time”, der recht eigentlich ein “moment out of time” ist. Existiert damit ein Photo also ausserhalb der Zeit, weil es keine Veränderung mehr zulässt; hat es die Zeit abgeschafft?

Jeder kennt die hässlichen Ränder an einer Tapete die übrig bleiben: nach vielleicht zehn Jahren soll ein Schrank an einer anderen Stelle im Zimmer stehen, die Tapete die sich hinter dem Schrank befand, ist noch fast wie neu wie vor zehn Jahren, der Rest vom Sonnenlicht vergilbt. Man erkennt: hier stand ein Schrank, der Beweis sind die hässlichen Ränder.

Jeder Photoapparat funktioniert nach diesem Prinzip, Silberkörnchen oder Pixel werden unterschiedlich stark und lange belichtet (zehn Jahre oder eine tausendstel Sekunde lang), anschließend werden die Informationen in einem komplizierten Vorgang zur Photographie entwickelt. Die Veränderung wird je nachdem abgestellt, eingefroren, die Zeit wird gebannt und so weiter – es ist der technische Apparat, der überzeugt; er fasziniert.
1878 gelingt Edward Muybridge mit seinem „Chronographen“ der Beweis, dass in einem bestimmten Augenblick alle Hufe eines galoppierenden Pferdes vom Boden abheben, eine Frage die bis dato nicht beantwortet werden konnte, erst der technische Apparat ermöglicht die Zeit, die Veränderung einzufrieren und zu sezieren.

1988: Die Olympischen Sommerspiele in Seoul, 100 Meter Zieleinlauf. Ben Johnson reißt den Arm hoch, neuer Weltrekord: 9,79 Sekunden! Im Hintergrund Carl Lewis, der Rivale wird auf die Plätze verwiesen. Wenn Ben Johnson jubelt, ist es wieder der technische Apparat der den Augenblick des Sieges verlässlich dokumentiert, wir freuen uns mit den Bildern auf denen wir ein Stück am großen Sieg teilhaben können.

Aber Ben Johnson spielte natürlich mit uns!

Genau – Nun ist die Photographie von Ben Johnson aber auch ein Dokument für eine weitere Veränderungen: wie tief man fallen kann und wie man sich gerne täuschen lässt.

Zwei Tage nach seinem Sieg wurde ja die Einnahme muskelbildender Steroide nachgewiesen, der erste große Doping­skandal hatte Olympia erreicht, alle Photographien, alle Bilder in den Köpfen, alles war futsch, alles gelogen. Dabei hatten sich die Informationen auf den Photographien nicht verändert, wir hatten uns verändert. Eine Photographie verändert sich also genauso wie wir uns selbst.

Es ist also nie der Apparat der eine Veränderung nicht zulässt oder Zeit abschafft, es ist jeder einzelne Kopf der sich ständig verändert.

Das bringt mich direkt zu einem anderen großen Topos sowohl der WALL OF TIME als auch des Photographierens, seit jeher: Den Tod. Du hast natürlich völlig recht, wenn Du dem Apparat die Verantwortung nimmst wie in Deiner eben gegebenen Antwort; aber doch haben wir mit diesem Apparat ein Werkzeug geschaffen, mit dem wir (auch wenn er die Zeit nicht abschafft) auch die flüchtigsten Momente festhalten wollen, besonders den Tod. Susan Sontag, und vor ihr bereits 1930 Ernst Jünger, sagen: Der Krieg und die Photographie gehören zusammen, und neulich rief ein junger Dichter in die Leipziger Buchmessennacht: „Ein Blick ist kein Blick mehr, seit es Projektile gibt“. Gilt umgekehrt auch, dass das Projektil jetzt sich in Licht verwandelt hat, seit Ihr Freunde mit den Linsen und den Chemikalien oder jetzt eben den Speicherchips angreift?

Über den Tod und die Photographie schreibt Roland Barthes in Die helle Kammer, ich muss das zitieren: “Im Jahre 1865 versuchte der junge Lewis Paynes den Amerikanischen Außenminister W.H. Seward zu ermorden. Alexander Gardner hat ihn in seiner Zelle photographiert; er wartet auf den Henker. Das Photo ist schön, schön auch der Bursche: das ist das studium. Das punctum aber ist dies: er wird sterben. Ich lese gleichzeitig: das wird sein und das ist gewesen; mit Schrecken gewahre ich eine vollendete Zukunft, deren Einsatz der Tod ist. ... das Kinderphoto meiner Mutter vor Augen sage ich mir: sie wird sterben: ich erschauere vor einer Katastrophe, die bereits stattgefunden hat.“

Interessant daran ist der Vergleich mit dem Bild der Mutter, Barthes sieht also in jeder Photographie den Zerfall, das Fortschreiten der Zeit. Man könnte nach diesem Auszug einen Blick auf seinen eigenen noch gültigen Ausweis wagen.

Ja, aber zu Deinen Bildern zurückkommend, wo ist der Zerfall der Zeit, wo ist der Tod in ihnen? – Oder distanzierst Du Dich nun eigentlich von Barthes’ zitierter Auffassung?

Zur Zeit photographiere ich in großen Fabrikhallen Maschinen, alles bei Nacht, die Maschinen stehen still. Wenn man diese Produktionsstätten ruhen sieht, bei Dunkelheit und menschenleer, dann fragt man sich zwangsläufig, was das bedeuten könnte. Ein Leben, das versorgt wird aus irgendwelchen austauschbaren Fabriken, die diese austauschbaren Waren herstellen, die ich dann mit meiner einzigartigen canon eos 5d und mit meinem hochwertigen und vorzüglich verarbeitetem Stativ aus Carbon abphotographiere – also so richtig kommt man da natürlich nie raus.

Ich photographiere diesen Zerfall auch, weil ich froh um ihn bin.

Das, finde ich, sieht man. Mir jedenfalls will es scheinen, als ob Du in Deinem eigenen Schaffen – mehr als mancher Kollege vielleicht – Zeit erlebbar machen willst, um sie zirkelst, so als wärest Du Dir jederzeit völlig bewusst, dass es nur ein Moment sein wird, den Du festhalten wirst, das dieser Moment doch aber ein Integral über eine gewisse Zeit darstellen wird, zwangsläufig.
Eine Kleinserie von Dir heisst “1/8” – und, dies sei festgehalten, sie hieß lange so bevor Jim Rakete mit diesem Titel nun seine Ausstellungen annoncierte –, und in ihr sind Photographien enthalten, die mit der fast klassisch zu nennenden Belichtungszeit von einer Achtel Sekunde aufgenommen sind.
Nun ist ja eine Achtel Sekunde schon sehr lange, das sind immerhin 125 Millisekunden. Nach 125 Millisekunden sind, zum Beispiel wenn ich Deinen Namen rufe, in Deinem Gehirn schon eine ganze Menge Dinge passiert, auch reicht ein geschriebenes Wort für 125 Millisekunden dargeboten in der Regel aus, erkannt zu werden. Worum ging es Dir mit der “1/8” Reihe? Sind es für Dich Momente in diesen Bildern oder nicht doch eher ganze Entwicklungen, Zeit-Spannen?

Es ist einerseits die Möglichkeit mit einer 1/8 Sekunde ein verwacklungsfreies Bild aus der Hand aufzunehmen. Andererseits ist das lange genug, um das Photographierte verschwimmen oder verwischen zu lassen. Dieses Verwischen ist nicht genau kontrollierbar, man hat Erfahrungswerte, doch ist es immer ein Rest der sich nicht genau vorhersagen lässt. Ich schaffe einen Zeitrahmen in dem die Dinge fließen können, ein bewusst ausgewählter Ausschnitt, mit den bewusst arrangierten Objekten und der Zufall der sich in diesem Rahmen abspielt, ergeben das Gesamtbild.

Also, Hannes, dann jetzt das ganz große Ding: Was ist Zeit?

Nach langem Überlegen: kurz.

Das ist natürlich eine charmante Antwort. Ich probiere es anders und nutze die Gelegenheit, Dich nach vielen Jahren einmal nach dem ersten Woidichschen Axiom (“Zeit × Wahrheit kürzt den Abfall, das Rauschen heraus”) zu fragen: Würdest Du immer noch behaupten, dass das Abwarten, das Verstreichen-Lassen von Zeit viele – ästhetische – Probleme löst?

Vielleicht sollte man versuchen ein Problem, oder eine Problemlösung, nicht linear zu begreifen sondern zyklisch: Das angenommene Problem, soll keinen festen Ursprung und kein festes Ziel, die Lösung haben.

Ich bewege mich und kreise. Das Problem bewegt sich und kreist. Dann kommt ein anderer oder eine Idee und bewegt sich mit mir und mit dem Problem. Ich finde einen Rhythmus, nähere mich an, entferne mich, täusche mich, vergesse, und löse mich schließlich im Rhythmus: auf die nächste Ebene der Spirale, mit dem nun Gemachten.

Klingt total nach Indien, soll es auch: ich bin für eine Ost-West-Achse.

Möchtest Du dort photographieren, in Indien? Ich treibe es auf die Spitze, und frage: Spielt es überhaupt eine Rolle, wo und was Du photographierst? Das meine ich weniger polemisch als es jetzt gleich wieder klingt; Ich meine: Ab einem gewissen Grad der Abstraktion, der vor allem inneren Ablösung und Entkoppelung vom photographierten Objekt – ist es da Dir als Beobachter wichtig, was Du siehst? Große Ästheten bekommen manchmal Haue, wenn sie dies zugeben: Die innere Distanz zum betrachteten Objekt, und damit doch auch dessen Irrelevanz.

Ja, das Wie ist oft wichtiger als das Was. In der Musik ist das leichter nachzuvollziehen: Youtube liefert unter dem Suchbegriff I love you Millionen Titel, wieviele davon aber sind wirklich genial? Man muss es auf den Punkt bringen, wie z.B. Here today gone tomorrow von den Ramones: Würde man nur den Text kennen, nun ja – mit der Musik, mit dem ganzen völlig einzigartigen und kompromisslosen Stil aber: genial!

Ästhet, also. Welche Rolle spielt Zeit in Deiner primären Beschäftigung (also z.B. dem Photographieren, Bilder bearbeiten, Motive suchen)?

Meine primäre Beschäftigung ist wie bei so vielen anderen erst einmal sortieren, verwalten und dann noch den Rest organisieren. Irgendwann kann man auch mal photographieren, nach langen Vorbereitungen. In der Regel bin ich dann vorher nervös, währenddessen ruhig, hinterher dann wieder: sortieren, verwalten usw.

Ich möchte mit Verweiß auf die Frage Was ist Zeit? mit einem Zitat von Thomas Bernhardt antworten: “Ich gehöre zu den Menschen, die im Grunde keinen Ort der Welt aushalten und die nur glücklich sind zwischen den Orten von denen sie weg und auf die sie zufahren”.

Man kann ja stets ein mikroskopisches Zeiterleben und –manipulieren (wie in Deinem schönen Ben Johnson-Beispiel) vom makroskopischen Zeiterleben trennen, also unseren Tagen, Wochen, Lebensjahren, die verstreichen – und wir alle tun das mehr oder weniger bewusst. Mit einem Photographen spricht es sich, wie dieses Gespräch ja bereits zeigt, am leichtfertigsten über die Milli– und Hunderstelsekunden. Dein Bernhard-Zitat wiederum spricht aber auch die Sprache eines Rastlosen, Unruhigen, und zwar auf allen Zeitskalen. Könnte es sein, dass Dein Zeiterleben selbst Dich so rastlos macht; dass Du immer der Gefahr der Langeweile (sic: Lange Weile) Dich ausgesetzt siehst?

Seit das Schwein hinterm Zaun und das Getreide auf dem Feld steht und seit uns diese praktischen Maschinen die ganze Arbeit abnehmen, haben wir Zeit für Langeweile. Ich schätze die Langeweile, sie ist Luxus. Ich möchte nicht jagen und sammeln – ich tu nur so. Am besten funktioniert das eben wenn man sich zwischen die Orte begibt.

Hannes, Deine für mich hypnotischsten Bilder, und das sage ich als einer, der in der Regel sehr große Schwierigkeiten mit Stillleben im Allgemeinen erlebt, sind jene, die von den Menschen, vom Belebten sich fernhalten. Wie in “Nachtgelände” die Rutsche, die Freiluftkapelle mit ihren unbesetzen Stühlen, oder auch die Figur, ursprünglich ein Mensch, die soweit aufgelöst wird in abstrahierende Maße und Aspekte.
Gibt Dir als Abbildendem ein lebloses Objekt oder ein innehaltender Mensch erst den benötigten Spielraum in der Gestaltung zurück?

Ich würde schon klar unterscheiden zwischen Motiven mit und ohne Menschen. Photographiere ich Menschen, beziehe ich sie mit in die Gestaltung ein, sie sollen sich frei bewegen, nach einfachen Vorgaben. Erreichen sie einen für mich interessanten Punkt, fordere ich sie lediglich dazu auf innezuhalten.

Gegenstände sind an sich schon fertig gemacht, ich arrangiere nur den Raum drumherum neu, das Licht, und wie sie mit anderen Gegenständen korrespondieren.

Ein Ausblick zum Schluss: Ein altersmüder Jean Baudrillard nahm – wie Du – Bezug auf Barthes, als er kurz vor seinem Tod noch einmal konstatierte, wie auf allen Dimension irrelevant das digitale Bild ist: Wo das analoge Bild, die klassische Photographie noch von einer (nach Barthes) “unwiderruflichen Abwesenheit” gezeugt habe, da bestehe das digitale Photo “in Echtzeit, und zeugt von etwas, das nie stattgehabt hat, dessen Abwesenheit jedoch nichts bedeutet”. Wenn Baudrillard auch nur im Entferntesten recht hat: Wie lange wirst Du noch mitmischen an der digitalen Bildervermehrung? Neue Ufer? Bildlose Welten?

Für mich gehen viele der Unterscheidungen zwischen digital–analog, neu–alt zu weit, bzw. sie sind künstlich hochgespielt.

Was hat sich wirklich verändert? In der analogen Photographie wird eine lichtempfindliche Emulsion auf einen Träger aufgetragen (Silberhalogenide auf Polyethylenfilm), in der Farbphotographie in mehreren Schichten. In der digitalen Photographie sind Halbleiterdetektoren lichtsensibilisiert (CMOS-Sensoren).
Rein physikalisch besteht überhaupt kein Unterschied: kleinste Kristalle werden entweder belichtet oder nicht. Auch die Weiterverarbeitung der jeweiligen Information ist ähnlich. Analog wird in der Dunkelkammer mit verschiedensten Techniken ein Positiv entwickelt (Ausbelichtung und chemische Entwicklung). Digital wird die Datei meist im Großlabor ebenfalls im chemischen Verfahren ausbelichtet (alternativ am “photoechten“ Tintenstrahldrucker ausgedruckt). Teiweise wurden die digitalen Dateien zuvor mit noch viel mehr Technik am Rechner bearbeitet. Jedes analoge Negativ kann digitalisiert werden, jede digitale Datei kann analog entwickelt werden.
Hauptunterschied ist wohl der Wegfall eines Negativs: Wird in der analogen Photographie der belichtete Filmstreifen als “Orginal“ archiviert, löscht man die “Orginaldatei“ auf der Speicherkarte nach dem kopieren der Datei, wobei man die kopierte Datei natürlich auch archiviert.

Begriffe wie “unwiderrufliche Abwesenheit” oder “Echtzeit” helfen uns, diese Techniken besser zu verstehen, erklären können sie diese nicht. Jetzt zum 150. Geburtstag von Max Planck sei daran erinnert, wie schwierig die Suche nach Begriffen und Erklärungsmodellen in der Wissenschaft geworden ist, seit dem Licht ein Teilchen, eine Welle oder gar beides sein kann.

Danke für das Gespräch, Hannes.


Das Gespräch fand im Mai 2008 in Dortmund statt. Die Bilder zeigen Hannes Woidich, 2008, photographiert von Martin Varga und Julian Faulhaber, sowie Ausschnitte aus Woidichs Serien “1/8”, “Pin” und “Nachtgelände”. Hannes ist zu erreichen unter mail [at] hanneswoidich.de.


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Wednesday, May 14, 2008

16 lessons in compassion

1. Get up, hesitantly.
2. Notice some sensation of pain.
3. Notice the sunlight, being unpleasantly bright this morning.
4. Open the balcony door for a few seconds.
5. Have a small butterfly, not bigger than your thumbnail, flying straight into your bedroom.
5b. Foolishly close the balcony door.
6. Hestitate.
7. Catch the butterfly with your caved hands.
7b. Be glad.
8. Fail to open the balcony door with the back of your folded hands, the butterfly within.
9. See the butterfly escape back into the room through a small opening your small finger allows for when finally pulling open the balcony door.
10. Catch the butterfly again, and note how one wing seems not to work properly anymore.
11. Think of the slight hint of pain you feel yourself.
12. Release the butterfly on the balcony.
13. See how it sinks slowly like a shot-down airplane.
14. Think of the moral implications of killing it now, weighing your own notions of relief, fate, and all. Think of Peter Singer.
14b. Remind yourself that it was you who brought the small animal in that situation, foolishly opening the balcony for no reason, really; catching it, twice, in a half-hearted manner.
15. Watch it glide between the balcony floorboards, with its broken wing, neither unable to free itself nor to be reached by any of your further actions.
16. Turn and leave for work. Notice some sensation of pain.



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Monday, May 12, 2008

Du musst die Zeit mit der Wahrheit multiplizieren: Ankündigung des Interviews mit Hannes Woidich

In Dortmund, einer Stadt aus Geschichte, die nun ein eher glanzloses Dasein fristet, gibt es ein schönes, sanftes Künstlerhaus. Ein wahr gewordener Traum für eine Handvoll Menschen, die viel Platz brauchen für ihre Ideen und ihr Arbeiten.

Das Haus ist das ehemalige Zechengebäude der nahen Zeche Westphalia: Hier haben sich einst die Bergarbeiter umgezogen, hier gab es Duschen, hier bekamen sie auch ihren Lohn. Im Keller gibt es noch den Eingang zu einem Tunnel, der die Arbeiter unter der Strasse hindurch ihrer Schicht in der Zeche zuführte, und ein kleiner Raum neben dem Tunneleingang war der Totenraum; ein Zechenunglück stand ja jederzeit zu erwarten. Hier, in diesem grossen und geistgenährten Gebäude lebt und arbeitet der Photograph HANNES WOIDICH.

Er, der Lichtschaffende, lebt dort oben, im zweiten Stock, wo ein “schwarzes” und ein “weißes” Treppenhaus zueinanderfinden, einst die sauberen Schichtantretenden von den erschöpften und rabenschwarzen Erledigten aus der Zeche trennend. Hier sitzt ein stets aufgeräumter Woidich vor seinem Bildschirm und schiebt schwarze und weisse Ebenen in der Bildbearbeitungssoftware übereinander, und zaubert.

WALL OF TIME ist hingefahren und besuchte den alten Freund und aufstrebenden Photographen, der an solch geschichtsträchtigem Ort seine wortlosen und angenehm un-allegorischen Lichtgeschichten montiert.

Das Ergebnis lesen geneigte Besucher hier am Freitag, den 16. Mai.

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Sunday, May 11, 2008

Verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen

Pfingsten 2008, auf der Zeitmauer, zum Sprung bereit:

“IX.

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb‘ ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück.
—Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.”

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (Reflektion IX). Der Text entstand im Frühjahr 1940. Die Zukunft endete für Benjamin, der das Bild 1921 gekauft hatte und es in Berlin und Paris stets vor Augen hatte, am 26. September 1940 an der französisch-spanischen Grenze, Port Bou, in den Pyrenäen.




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Friday, May 09, 2008

Groundhog day

Thank you again for your assistance in evaluating this paper.
J. G.
Editor-in-Chief

Thank you for giving us the opportunity to consider your paper for publication.
Your sincerely
Prof. S. T.
Reviewing Editor

If you find that you have a conflict of interest, or due to unforeseen circumstances, you are unable to complete your review, please contact the office immediately.
We urge you not to provide reviews based on images that have been degraded by the electronic submission process. There are a number of ways we can work with you to provide adequate images for review.
J. G.
Editor-in-Chief

You will find this paper in a category of manuscripts called “Manuscripts with decisions” and you may initiate the process of submitting your revision by clicking on the link titled “create revised manuscript”.
Yours sincerely,
K.E.

This is to confirm that we have received your review for the manuscript referenced above. We appreciate the time that you have contributed to this important component of the peer review process.
Kind regards,
L. P.
Editor

This e-mail is a notification that your account on Manuscript Central site has been modified. Thank you for your participation.
Sincerely,
Editorial Office

This is a reminder that your review of the following manuscript is DUE TODAY:
Thank you.
Editorial Staff

I have now received three reviews from highly qualified experts in the field and I have also read your manuscript. Not all three reviewers agree on the merits of the paper, but the majority is critical: Reviewer A only asks for a minor revision, but reviewers B and C agree that this paper is not suitable for publication in a journal like [ours].
Sincerely,
P.H.
Associate Editor

Can you please let me know if the authors have addressed your concerns and whether this manuscript is now suitable for publication? To access the manuscript, you may click on the link below (which will take you right to the score sheet).
Regards,
T.
Associate Editor

With this in mind, I would be very grateful if, in considering the paper, you would assess whether it is sufficiently novel and important to warrant inclusion in a journal that is currently having to reject more than 60% of submitted work. The ratings that you are asked to provide on significance, originality and quality have become more relevant to the decision process; it would help us greatly if you provided an expert rating on these criteria, bearing in mind that manuscripts with an average score of 3 or worse are unlikely to be accepted.
Kind regards,
L.P.
Editor

Thank you for your enquiry about submitting a manuscript. I have discussed your abstract with my colleagues and regret that we cannot encourage submission of the full manuscript.
Yours sincerely,
A.W.L., PhD
Associate Editor





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Wednesday, May 07, 2008

I still remember

Gedächtnis. Überall, in der Stadt, Hinweistafeln, Gedenksteine, Plaketten. Karl Marx’ erster Band, hier gedruckt im Gebäude am Roßplatz. Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert. Mendelssohn-Bartholdy hier gelebt. Bombenhagel, Nikolaischule abgebrannt. Sinti und Roma hierher als Zwangsarbeiter verschleppt. August Bebel hier. Neue Oper, 300 Jahre schon. Johann Sebastian Bach: hier. Richard Wagner auch hier, vergessen was genau. Erinnern ohne Syntax. Gedächtnis, öffentliches. Kämpfe, im Stadtrat: Bombenhagel? Auf Augenhöhe? Aus Mitteln des Freistaats Sachsen. Frakturschrift abzulehnen. Arial merkt keiner. Gedächtnis, kollektives, schnell aufschreiben, eine Plakette, das unheimliche Jetzt zu bannen. Ein Verdacht drängt sich auf: Aufschreiben, Hinnageln, in Bronze giessen, damit wir uns nicht erinnern müssen. Leipzig ein einziges: Graceland.



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Monday, May 05, 2008

The impenetrable beauty of Time (II)


This plot is a first draft of a figure for an article I am currently working on with a colleague. It is also a testimony of how difficult things can be, and how nobody, not a single person on earth, can actually know a thing of how something really works: If you don’t understand a thing it is because we don’t understand a thing yet.

I post it here to testify how mesmerising the impenetrable beauty of the brain can be, at times. All these dots represent so called activations observed in brain imaging studies on senseless syllables, vowels, noises. They are basically all over the place. There is a fair chance that I will spend the rest of my working life (cf. time) sorting this out. Bear with me.


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Friday, May 02, 2008

Alles ist erreicht.

Alles ist erreicht, wenn wir nicht mehr lügen müssen. So pathetisch stand dieser Satz in einem an Pathos insgesamt nicht armen, mich dennoch oder gerade deshalb jahrelang begleitenden Artikel des leider sich meinem Verständnis mittlerweile völlig entziehenden Ulf Poschardt, in einem Spiegel Spezial “Pop und Politik” aus dem Jahre 1994.

(Als Fussnote sei erwähnt, dass in selbem Heft, das in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz hält, der aufs Angenehmste gegen Pathos immune Christian Kracht mit einem Vorabdruck seines ersten Romans vertreten ist; von Taxifahrern, die aussehen wie Nazis, ist die Rede.)

Alles ist also in der Tat erreicht, dachte ich gestern; alles ist doch richtig und wunderbar, und es ist etwas gelungen in meinem Land, wenn ich mit einem in England lebenden Deutschen und einem in Sachsen lebenden Bayern das hervorragende Ad hoc Konzert eines singenden Kraftsportlers besuche, der eine Cover-Version des Überhits “Mongoloid” von Devo im Programm hat, mit homosexuellen, männerbündischen und Riefenstalinistischen Konnotationen völlig selbstverständlich und angenehm post-ironisch um sich wirft in dieser ostdeutschen Hinterzimmer-Galerie als wären es seine Ringergegner, und wenn wir drei im Taxi zurück dann mit unserem iranischen Taxifahrer Pashootan zusammen aufs Lauteste und ebenfalls Unironischste Iron Maiden’s Run to the Hills zelebrieren. Alles ist erreicht, wenn wir nicht mehr lügen müssen.

Wednesday, April 30, 2008

Das Jahrhundert der Johanna Jürfeld

—für Peter Bichsel, W.G. Sebald, und Johanna Jürfeld natürlich

Dies ist die Geschichte von Johanna Jürfeld. Johanna Jürfeld war eine außerordentliche Frau. Sie schaffte, was viele von uns nur zu gern können würden: Sie wusste zu leben. Sie besaß ein Maß der Dinge, und wusste auch, wann es genug war mit allem. Vor allem wusste sie, ab einem gewissen, uns unbekannten Zeitpunkt, dass sie ein Jahrhundert, ihr Jahrhundert, überleben wollen würde. Und so geschah es.

Johanna Jürfeld war 1899 geboren worden. Ebendamals ließ der amerikanische Kongress Wahlmaschinen zu, eine Technik, die ganz offensichtlich im Jahre 2000, als Johanna Jürfeld starb, immer noch nicht funktionierte. Es ist sehr wenig bekannt über Johanna Jürfeld, und wir wissen nicht, wie sie den sogenannten Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebte, ob sie um Franz Ferdinand trauerte, wie vielleicht nur Kinder um Fremde trauern können, in ihrer aufrichtigen Mischung aus Faszination und Schock, so wie ich—wenn dieser Zeitsprung erlaubt ist—um Indira Ghandi trauerte, mir ist als sei es der 2. November 1984 gewesen, als ich vom Kindergeburtstag nach Hause kam. Oder sah die bereits 15jährige nicht eher in der Zeitung das berühmte Bild des nur wenige Jahre älteren, eingeschüchtert dreinblickenden Attentäters Gavrilo Princip, und klopfte ihr Herz nicht für Bruchteile von Sekunden für den kühnen jungen Mann, der der Todesstrafe entging?

Wir wissen ebenso wenig, wie Johanna Jürfeld den Wechsel der Regime, das Exil des Kaisers über die Leichen der Revolutionäre im Landwehrkanal hin zum nicht unsympathischen rheinischen Singsang des Gnoms Goebbels erlebte. Auch ist nicht bekannt, wie es Johanna Jürfeld vorkommen musste, in Schwerin zu sein als der große Krieg verloren war und alle sich sehr verraten und verkauft vorkommen mussten, und ob sie es wohl für die richtige Seite Deutschlands hielt, in der sie nun einmal lebte.

Vielleicht war es ja schon damals, dass sie gedachte sich nicht mehr lumpen zu lassen von den Gezeiten, den unberechenbaren, der sogenannten Geschichte und dass sie ihre eigene Zeit leben würde. Vielleicht war es aber auch erst, als 1989 ein weiteres Regime sich als sehr vergänglich herausstellte, und Johanna Jürfeld mit 90 Jahren schon wieder in blühende Landschaften umziehen und neues Geld benutzen sollte, dass sie beschloss, ihr Jahrhundert zu überleben.

So lebte sie, ging einfach weiter jeden Tag hinunter zur Strasse, schwatze mit den netten jungen Leuten nebenan, machte ein Kreuz nach dem anderen in ihren Kalender, und wartete. Wartete, dass es 1999 würde. Und so kam es, und auch das Jahr 1999 ging vorbei, und Frau Jürfeld hatte ihr Ziel erreicht. Der Bürgermeister wollte sich nicht so recht freuen mit der Hundertjährigen, es gebe ja auch außerdem zwei ältere Frauen in Schwerin, und das solle doch die Gemeinde tun, doch mit der Gemeinde hatte Frau Jürfeld nichts zu schaffen, und so feierte sie eben bescheiden allein, kein Helmut Kohl oder Mitterand kamen mit dem Hubschrauber wie bei Ernst Jünger damals, aber Frau Jürfeld hatte ja auch nicht Tausende von Buchseiten vollgedacht in ihren Hundert Jahren, sie hatte einfach gelebt und gewartet.

Und als ihr Jahrhundert mit den fünf Regimes und mit den siebzig Jahren im selben Haus, und den vierzig davon allein, vollbracht und ein Jahrtausend en passant auch noch besiegt war, da legte sich Johanna Jürfeld einfach hin und ließ es gut sein.



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Tuesday, April 29, 2008

Verzweigungen, Kreuzungen, Momente (II)

Momentaufnahme: Eine Frau in ihren späten 60er Jahren geht durch eine schwäbische Kleinstadt. Genauer geht sie die wenigen Meter von ihrer ehemaligen Arbeitstätte, einer beschaulichen Schule in einem stattlichen Schulhaus, an die sie gerne und oft zurückkehrt zur Aushilfsstunden, zu ihrem Wohnhaus, in dem sie so lange lebt, wie sie in dieser Schule arbeitet, seit fast 40 Jahren. Wie die Frau so entlanggeht, den Blick auf den Asphalt gerichtet, da schaut sie auf einmal ein Gesicht an, verschwommen, und vielleicht ist es ihr, als sei sie das selbst, damals, in den späten 1960er Jahren.

Ein modischer Kurzhaarschnitt, und etwas zugleich Neugieriges, Wachsames und Schüchternes spricht aus dieser—halt, eine Photographie ist es nicht, es ist gemalt, es ist, ja, die Frau bückt sich und hebt das Stück Karton auf, zertrampelt und gekörnt wie es ist vom rauhen schwäbischen Kleinstadtasphalt, von nichtsahnenden Kinderturnschuhen, aus den Disountmärkten oben an der Ausfallstrasse, ja, es ist die Reproduktion eines Gemäldes. Von Gerhard Richter, geboren 1932. “Momentaufnahmen”, steht in Futura oben links, und unten rechts, “Gerhard Richter”, für die Schulkinder.

Wie die Lehrerin schnell bemerkt, entstammt dieser Findling einer Art Kunst-Lehr– und Materialiensammlung für Schulen. Er zeigt passenderweise ein Exemplar der “Acht Lernschwestern” aus dem Jahre: 1971. Fast, also. 1971, war die damals noch junge Lehrerin und Mutter vielleicht gerade zurück im Schuldienst? Wie mag der Weg, auf dem nun diese Karte zu liegen kam, damals ausgesehen haben? Das Haus der jungen Lehrerin stand erst ein Jahr, als eines der ersten der Siedlung, viele der heute hier stehenden waren noch nicht einmal gezeichnet, von jungen aufstrebenden Ingenieuren und Statikern. Doch heute erinnern uns die Häuser selbst allesamt an staubige, gefühlstote Sommer mit wenig klingenden Kalenderdaten wie 1979, 1984, 1987 und sind die Statiker längst tot, auch wenn sie wenigstens der Nachbarschaft die schöneren, eigenen Häuser hinterlassen haben, die über sich selbst hinausweisenden, die wenigstens entfernt von einer Welt ausserhalb der Kleinstadt künden.

So ändert sich alles, dreht sich, revoltiert, während eine gemalte Photographie einer Lernschwester des teuersten unserer lebenden Maler in einem Materialienschuber in einer Dorfschule sich ausruht für die rauen Tage auf dem nassen Asphalt im Jahre 2008, und während all dieser Jahre die Lehrerin ihr langjähriges, geglücktes Werk mit den Lernenden vollbringt, die in der Kleinstadt bleiben oder gehen, Gerhard Richter kennen– und liebenlernen oder: eben nicht.

Momentaufnahmen.



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